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Hamlet Samples
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Hamlet Samples

Video, Bühne, Kostüm
Text: Thomas Lilge (UA)
Regie: Katja Langenbach
Zimmertheater Tübingen
Premiere: 11.04.09test test

Stuttgarter Nachrichten, 14.04.09, von Horst Lohr

Unser Hamlet

Lemurenhaft kriecht der junge Mann mit der Pudelmütze und dem Kapuzenshirt im Schummerlicht käfiggleicher Bühnenenge durch einen Berg von Zeitungsausschnitten: Ein ins Heute geworfener Hamlet droht zu ertrinken in Informationsfluten aus den Abteilungen Politik, Wirtschaft, Sex & Crime.

Diesen Eindruck vermittelt Katja Langenbachs stimmige Uraufführungsinszenierung des Monologs „Hamlet Samples“. Damit gewann der Autor Thomas Lilge einen vom Zimmertheater Tübingen ausgeschriebenen Stückewettbewerb über moderne Versionen klassischer Stoffe. Sprachlich pointiert und sarkastisch spürt Lilge eine Generation auf, die die Welt nur noch als „Doppelschatten“ erlebt. Der Autor lässt seinen Dänenprinzen darauf mit Flucht in Isolation und Totalverweigerung reagieren. Shakespeares übrige Figuren tauchen lediglich noch in Hamlets obsessiven Träumen auf. Rosario Bona spielt diesen jungen Desillusionierten nuanciert zwischen Ekel, Resignation und Zynismus. Im Dialog mit einer Live-Kamera und den gefilmten Zerrbildern der Königsmörder Claudius und Gertrud (Ausstattung und Video: Hella Prokoph) verhöhnt er eine sich in Selbstgefälligkeit spreizende Spaßgesellschaft. Vor dem Anblick ihrer Verkommenheit schützt sich der Tübinger Hamlet, indem er das Gesicht hinter seiner Kapuze verbirgt.
„Der Rest ist nichts.“

Schwäbisches Tagblatt, 14.04.09, von Hr. Ertle

Freispruch als Strafe
Am Zimmertheater hatte Thomas Lilges „Hamlet Samples“ Premiere

Tübingen. Dieser Hamlet muss kein Verbrechen aufklären, keine Zusammenhänge herausfinden, niemanden richten. Er weiß Bescheid. Er ist rauf und runter aufgeklärt, also auch abgeklärt. Im Zimmertheater sitzt er in der auch schon wieder alten neuen Unübersichtlichkeit unserer Zeit, in einem Meer von Papieren, Bildern, Fotos, Zeitungen.

„Ich bin zurückgekehrt von den Küsten/Ich habe das Meer im Rücken/den Fluten entronnen/Kraft meiner List“, sagt Hamlet. Oder ist’s Odysseus? Eines wird schnell klar: Dieser nach all seinen Shakespearschen Zauderkämpfen fremd in die Jetztzeit eingezog’ne oder in ihr bis zur REM-Phase- schnelle Schnitte, somnambule Sequenzen, eingespielte Bilder der Handkamera- aufgewachte Hamlet lässt seine Tragödie hier nur noch wie im Traum Revue passieren und novelliert sie entsprechend.

Heiner Müller übertrug 1977 in seiner ,,Harnletmaschine“ die bei Shakespeare schuldbeladene Mutter auf ein schuldbeladenes Europa und ein speziell schuldbeladenes Deutschland. Den Intellektuellen Hamlet ließ er sich unter anderem aufgrund der abgewirtschafteten, korrumpierten, letzten politischen Alternative namens Kommunismus von jeglichem Aufklärungserbe lossagen: „Mein Drama findet nicht mehr statt“.

Das ist, dezidiert, Lilges Ausgangssituation. „Die mutterlose Welt blieb ein Traum der frustrierten Kommunisten“ hebt sein sprach- und bilderstarkes Stück an, Was aber bleibt übrig, wenn die Geschichte in der Sackgasse steckt? „Der Rest ist Fleisch“, sagt sein Hamlet. Und weil er eine Handkamera dabei hat, zoomt er groß auf seinen Mund und tief in seinen Rachen hinein: Fleisch, restlos, hier: Sprache geworden. Das ist nochmal was ganz anderes als das schön abendländisch gedachte Sprachrohr des Geistes.

Die Sprache dieses Hamlets heinermüllert manchmal etwas zu deutlich. Dann wieder hört sie sich ganz anders an, zum Beispiel so: „Wie viel Sommer hat man nicht schon verpasst, da man so herbstlich war?“ Manchmal spricht Hamlet, als wäre er ein Familienmitglied der Simpsons, wenn er zum Beispiel zu Ophelia sagt: „Nein, ich möchte deine Brüste nicht anfassen!“ Oder als käme er aus einem Achternbusch-Stück „Du bist ungefähr so frei wie eine Ampelschaltung in einer bayerischen Kleinstadt.“

Einem Schauspieler geben solch verschiedene Textebenen wunderbar Stoff. Rosario Bona übt sich als Meister der Ironie, gibt den Schmollmund, wechselt zum schlafwandlerisch Sinnierenden, dann zur Kinderstunde, zur Terroreinheit, scheint die Zurechnungsfähigkeit gänzlich einzubüßen, findet zu stiller Klarheit zurück und von dort wieder zu hochfahrenden Statements. Eine ganz starke Performance.

Und manchmal im Duett. Denn es ist zwar ein Einpersonenstück. Aber alle anderen dürfen in Form eingespielter Filmchen mitmachen. Kopfgeburten, von Hamlet selbst synchronisiert, Tänzchen zwischen realer und virtueller Welt.

So begegnet man Endre Holäczy als Rocker und Jugendfreund Kranzstern. Der vom LTT her schon bekannte Vilmar Bieri gibt den Claudius, hier eine Karikatur eines heutigen Geschäfts- oder Staatsmanns, mit dem Hamlet ein nahe dem Slapstick siedelndes Komikerpaar gibt. Dann natürlich: Nicole Schneider als stabat mater Gertrud, der ihr Sohn – Fleisch heißt auch Wellness – eine Kur aus Solarium, Kiwis und Äpfeln verspricht. Und schließlich Hannah Kobitzsch als Ophelia, die – Fleisch heißt auch Sex – endlich genommen werden will. Das besorgt dann ein Mann im Freibad, der ihr in Person von LTTler Christian Dräger vermutlich mehr als den schönen Rücken eincremen darf. Während es unserem Hamlet angesichts allgegenwärtigen Gefickes auf allen Sendern gerade nicht um schnelle Bedürfnisbefriedigung geht sondern vielmehr urn das Begehren als Sehnsuchts&Transparenz -steigerndes Gleitmittel.

Ach, an dieser Stelle können wir es ja verraten: Dieser Hamlet ist wider Selbstaussage und besseres Wissen ein arger Romantiker. Was er beklagt, sein hier beschriebenes Drama, ist selbst jener wenn auch ziellose, so doch sichtbare, nicht abgegoltene Utopie-Rest, von dem er behauptet, es gäbe ihn nicht mehr. Jedenfalls für uns Zuschauer.

Aber für Hamlet? Er, der so gerne ein zorniger junger Mann wäre, ist ein Mr. Ratlos, was seine Rede über weite Strecken ins Uneigentliche, Ironische drängt (und da tut die Regie, zu wenig auf den Text vertrauend, des Guten etwas zu viel), oder infantil regredieren lässt; gestört nur durch Inseln des Protests und traumatische Kindheitserinnerungen. Manchmal gibt es Schñittmengen aus beidem: „Mit 14 hatte ich 25 000 Morde gesehen“, sagt er und hebt zu einer Brandrede gegen die allumfassende Medienwelt an, schickt die Schauspieler nachhause: „Ich lasse nicht länger zu, dass meine Diskurse fremdgeleitet werden. Ich vollziehe den Tod der Souffleuse. Ab heute bleibt der Bildschirm schwarz.“

„Hamlet Samples“ ist ein Essay zur Lage unserer Zeit in Form eines Theaterstücks auf der Basis des Hamlet-Stoffs. Hier etwas Adorno, dort etwas Alexander Kluge, hier etwas „Festung Europa“ – das kann eigentlich nicht gut gehen. Geht aber sogar sehr gut, weil das Stück klug arrangiert ist, weil seine Sprache rhythmisch, dicht und stark ist und der Autor weniger mit seinen Pfunden wuchert als dass er mit ihnen aufs allerschönste herurnkaspert. Die Regisseurin hat dankenswerterweise klug gestrichen. Außerdem gelingen ihr im Doppel zwischen Schauspiel und Video schöne Überblendungen.

Aber zurück zu Lilges Hamlet. Was macht er denn nun? Ganz offensichtlich war er vorgestern noch in der RAF und gestern bei Attac, denn er bekennt: „Ich gründete folgende Terroreinheiten:… tötet Axel Springer … tötet die Börsenhändler…tötet den Staat – das alles ist vorüber.“ Denn nun tut er das Unerhörte: Er verzeiht. Wir leben ja im christlich geprägten Abendland. Und im Zeitalter des Wassermanns. Aber Hamlet blinzelt so ungeheuer vergnügt dazu, als wär‘ er einer der von Nietzsche beschriebenen, dem Untergang geweihten „letzten Menschen“. Affirmation als Protest, Freispruch als größte Strafe – Hamlet als gewaltloser Überwindungskünstler. Auch wieder nur so ein bescheuerter Gedanke, der Weisheit letzter Irrtum. Aber ein starkes Stück, eine klasse Inszenierung.

Reutlinger Nachrichten, 14.04.09, von Kathrin Kipp

Der Rest ist alles, was wir haben

Uraufführung am Tübinger Zimmertheater: Thomas Lilges preisgekrönte „Hamlet Samples“

Lässt sich Shakespeares „Hamlet“ renovieren? Updaten? Ja. Das Zimmertheater zeigt jetzt die Uraufführung von Thornes Lilges „Hamlet Samples“ mit einem echt aufgewühlten, aber auch resignierten Titelhelden.

Tübingen. Hamlet liegt im Eck. Am Boden. Wühlt sich durchs Papier. Spricht in seine Handkamera. Lässt im Geiste alle antanzen, um ihnen mehr oder weniger direkt die Meinung zu geigen. Er ist nach wie vor ein Grübler. Ein Zauderer. Ein Zweifler. Ein Zerrissener, Enttäuscht, verbittert, aufgewühlt, melancholisch,sarkastisch – und am Ende resigniert. Hamlet durchschaut zwar die Intrigen und heuchlerischen Lügen „in the state of hope“ bleibt aber trotzdem am Boden liegen und leidet lieber. Was tun? Was bleibt?

Thomas Lilge hat mit seinem fragmentierten Monolog „Hamlet Samples“ den Stückwettbewerb gewonnen, den das Zimmertheater unter dem Motto“ „Zimmerrenovierung“ausgeschrieben hat. Erzählt werden sollten klassische Stoffe und Stücke mit neuen Strategien- rund 100 Bewerbungen lagen vor. Regisseurin Katja Langenbach hat nun das lyrische Selbstgespräch voller Anspielungen, Assoziationen und Stimmen nit Rosario Bona als Hamlet in ein dunkles Eck gestellt. An der Wand hängen Zeitungsausschnitte, Bilder, Todesanzeigent. Auf dem Boden markieren noch mehr Zeitungen die Rahmenbedingungen, in die er hinein geboren wurde und in denen er gezwungen ist, wie auch immer zu handeln.

Obwohl er mitten drin steckt,scheint das Leben um ihn herum ein ausschließlich medial vermitteltes, komplett verbildertes Leben zu sein. Auch seine Mutter, Onkel Claudius, Ophehlia und „Kranzstern“ tauchen längst nicht mehr als reale Figuren auf, sondern sind zu medialen Projektionen, inneren Stimmen und Phantasien geworden, die sich in filmischen Szenen auf dem Netz tummeln, das vor die Bühne gespannt wurde. (Ausstattung: Hella Prokoph). So entstehen Bilder, mit denen Hamlet kommuniziert, indem er sich selbst per Handkamera in sie hinein samplet. Aber anders als bei Shakespeare hat dieser Hamlet die Machenschaften seiner Lieben schon längst durchschaut und flüchtet sich in Sarkasmus. Allerdings scheint er emotional noch längst nicht alles abgearbeitet zu haben, zumindest verleiht ihm Rosario Bona mit prächtiger Mehrdimensionalität und drastischer, bildreicher Sprache ein recht stürmisches Gefühlsleben voller Wut, Enttäuschung, Verzweiflung, Überheblichkeit und Sarkasmus angesichts des ganzen Verrats um ihn herum: „Erzählt mir mein Leben, ihr Wunden“.

Höhnisch bis parodistisch geht er alles noch einmal durch. Wie sich seine übertrieben fürsorgliche Mutter (Nicole Schneider) um seine Wellness sorgt. Wie der schmierige Ursupator Onkel Claudius (Vilmar Bierl) mit lustigen Luftballons seine Amtseinführung feiert, Wie selig er einst Ophelia (Hannah Kobitzsch) angeschmachtet hat. Und wie auch sie sich hat lnstrunientalisieren lassen, genauso wie .Kranzstern“ (Endre Hokczv) ein tanzender Hippie, mit dem Hamlet schulmäßig Gedichte analysiert.
Und er bestellt auch noch einmal die „Schauspieler und Moderatoren“ zu sich, um mit der Polit- Entertainmentindustrie abzurechnen. ,,Warum hört Ihr immer nur hin, wenn einer nichts zu sagen ha?“ Aber schließlich muss auch er sich die Frage nach reiner Mitverantwortung im System steilen: „Bin ich nicht, was auch immer ich tue, schuld ? Gibt es wirklich kein richtiges Leben im falschen?“

Aber Hamlet hat schon alles durchgespielt, Früher, ein Revoluzzer, heute ein Prediger der Sinnlosigkeit, „Ich könnte anders, aber ich will nicht,“ Am Ende deshalb keine Rache. sondern Verweigerung: „Euch werde ich nicht mehr richten, ich habe eure Umlaufbahn verlassen.“ Hamlet will nicht mehr mit spielen. „Ich habe alles gewusst. Es hat mir mal was ausgemacht. Aber nun -. vorbei. Ich habe nicht nur verziehen. Ich habe verstanden.“ „Und der Rest? Der Rest ist nichts. Das hier, ist alles, was wir haben. Es ist genug.“