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Mein junges idiotisches Herz

Mein junges idiotisches Herz


Bühne und Kostüme
Text: Anja Hilling
Regie: Anestis Azas
BAT Berlin
Premiere: 25.04.08

Neues Deutschland vom 02.05.2008

Der Zeitpunkt war gerade ungünstig

»Mein junges idiotisches Herz« rast im bat, wo sich Lebenswege von Mietern überschneiden

Von Volkmar Draeger

Angefangen hat alles mit Frau Schlüter. Im langen roten Glitzerkleid, ihrer finalen Rüstung, erwartet sie den Fruchtsaftlieferanten Miroslav. Er soll ihr letzter Besucher sein, denn sie hat bereits das Todesbrötchen gegessen. Mit wirrem Blick kokettiert sie, legt sich grelles Rouge wie Leben auf. Die Welt scheint dennoch in Ordnung. Die Welt ist ein Mietshaus. Da kann schon mal einer durchdrehen.
So beginnt im bat Studiotheater an der Belforter Straße Anja Hillings Stück »Mein junges idiotisches Herz« in Regie von Anestis Azas. Hella Prokoph hat dem Regiestudenten im 4. Studienjahr ein Leichtgerüst aus drei über Treppen verbundene Etagen gebaut, vor deren tapezierten Rückwänden die Bewohner brabbeln. Anonym, abgeschottet in ihrer Welt, in sorgsam verborgene, ihre Existenz bedrohende Konflikte verrannt. Schlüters Suizidversuch bliebe unbemerkt, hätte Postbote Hase nicht für Herrn Sandmann ein Paket aus Australien abzugeben. Auch muss Hausmeister Zarter in ihre Küche, weil Wasser durchtropft. So kotzt Frau Schlüter sich ins Leben zurück.
Sechs Monologe sind es, mit denen Hilling Menschen ins Herz blickt, Monologe, die jenes ominöse Paket umkreisen und zerstörerische, uneingestandene, nicht auslebbare Sehnsüchte und Wünsche entlarven. Zarters Freund Kurt aus der Feinkostabteilung, mit indigoblauen Augen, einem Körper wie der Himalaya und dem Wassertick, hat den Schal bei ihm vergessen. Stimmgewaltig probt Zarter, wie er seiner Helga das Verhältnis zu Kurt beibringt. Hase findet Paula von ganz oben aufregend, seine Hanna daheim puzzelt nur noch. Rechtsanwaltsgehilfin Paula hat 69 Tage lediglich mit der Mülltüte gesprochen, kocht täglich Gulasch für zwei, steht auf Alfred aus dem Seitenflügel. Einsamkeit treibt sie zum Gelegenheitssex mit Miroslav, der dabei von Doris träumt.
In Aleksandar Teslas gebrülltem, geröcheltem Hassausbruch auf die bulemische Freundin mit Mundgeruch hat die 100 Minuten durchlaufende Inszenierung ihren schauspielerischen Glanzpunkt. Zunehmend verkeilen sich die Schicksale, als Hase seine Geschichte erzählt – von der australischen Freundin Joanna und den Orgasmusproblemen. Das Paket hat sie ihm ungeöffnet zurückgesandt. Möglicherweise ist sie identisch mit Zarters Hanna. Das bleibt so offen wie ein Weg aus dem allgemeinen Dilemma. Hase stirbt an Herzversagen, Schlüter reißt als stillen Hilferuf die Wohnungstür auf, Miroslav gesteht, ihr Kleid habe ihn schon nervös gemacht, nur der Zeitpunkt war ungünstig. Alles hätte also anders laufen können.
Turbulent erzählt Azas, schafft Raum für intime Momente, nutzt ausgiebig das Gerüst, setzt auf die Ausdruckskraft seiner Darsteller. Wie qualitätvoll und individuell die Ausbildung in der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« ist, dafür stehen Gabi Herz als Karin, Vera Weisbrod als Paula, Peter Marty als Hase, Sebastian Straub als Sandmann und – von gebieterischer Persönlichkeit – Matthias O. Schneider als Zarter.

Tagesspiegel vom 29.04.2008

Paket im Treppenhaus 

Alles wie immer, alles ganz anders an einem gewöhnlichen Nachmittag unter den Mietern im Treppenhaus des mehrstöckigen Gebäudes. Der fade anonyme Ort gibt plötzlich Schicksale frei, weil da ein Paket von fernher seinen Adressaten nicht gleich findet. Wohnungsklingeln. Leute, einander fremd, treffen sich unvermittelt. Ein Selbstmord bleibt in der Planung stecken, Gulasch wird gekocht und Fruchtsaft geliefert, Stumme reden wieder und das Begehren flammt auf: Mein junges idiotisches Herz nannte Anja Hilling diesen monologisch strukturierten Text über das Leben in der Vertikalen, der im Studiotheater bat unter Leitung des Regiestudenten Anestis Azas zur Aufführung kam (wieder: 30. April und 2. Mai).

Vier Männer und zwei Frauen versuchen sich treppauf treppab „freizusprechen“. Aber: was sie erzählen, gestehen sie nur sich selbst. Sie bleiben im Versteck der Sprache, ihrer Sprache, die Schutz bedeutet vor der Welt. Wirklichkeit rückt fern, ist im Traum gefangen, in der Sehnsucht, eine Beziehung zu finden, die über das gesichtslose Mietshaus hinausgeht.

Der 1978 in Griechenland geborene Regisseur hat in einem dreistöckigen Gerüst mit schmalen Treppen, Wänden, Fluren diese Beichten in virtuoser Doppelung versinnlicht. Was erzählt wird, findet nicht statt, wird vielmehr gestisch vorbereitet, ausgelegt und überhöht. Intensiv durchlebte Monologe treffen auf die fantasiegesättigten Kommentare der jeweils anderen, nachdenkliche Ruhe schlägt überraschend in wilde Ekstase um, dann wieder Stille und Leere im musikalisch summenden, vibrierenden Treppenhaus. Die Nervosität der Figuren erfasst das Ensemble mit staunenswerter Sicherheit, es bringt Schicksale auf die Bühne, die doch geheimnisvoll, verdunkelt bleiben. Die kleinen und großen Verrücktheiten der Mieter blühen bei den Darstellern regelrecht auf – tapfere, sympathisch verschrobene Leute stehen auf der Bühne, die mit sich selbst und dem Alltag fertig zu werden versuchen. Christoph Funke