{"id":242,"date":"2010-01-02T12:59:16","date_gmt":"2010-01-02T11:59:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hellaprokoph.de\/?p=242"},"modified":"2025-06-13T11:47:09","modified_gmt":"2025-06-13T09:47:09","slug":"prinz-friedrich-von-homburg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hellaprokoph.de\/?p=242","title":{"rendered":"Prinz Friedrich von Homburg"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-243\" title=\"homburg klein\" src=\"http:\/\/www.hellaprokoph.de\/wp-content\/uploads\/homburg-klein.jpg\" alt=\"homburg klein\" width=\"99\" height=\"132\" \/><\/p>\n<p>B\u00fchne<br \/>\nText: Heinrich von Kleist<br \/>\nRegie: Katja Langenbach, Kost\u00fcme: Julia Str\u00f6der, Musik: Jakob Diehl<br \/>\nTheater St. Gallen<br \/>\nPremiere: 13.11.09<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-262\" title=\"00-homburg\" 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Surber<\/span><\/strong><\/p>\n<p><strong>Im seelischen Kriegszustand<\/strong><\/p>\n<p><strong><span style=\"font-weight: normal;\">Die j\u00fcngste St. Galler Schauspielpremiere ist auch r\u00e4umlich eine Premiere: Kleists Prinz Friedrich von Homburg spielt im Saal, das Publikum sitzt auf der B\u00fchne. Und erlebt zwei Stunden packendes Theater.<\/span><\/strong><\/p>\n<p>Krieg ist der Bruch. Die Katastrophe. Krieg ist die Verkehrung aller zivilen Verh\u00e4ltnisse in ihr Gegenteil, die Barbarei. Krieg ist das Andere, das Unsagbare, Unspielbare.\u00a0Wie l\u00e4sst sich daraus Theater machen &#8211; zumal aus der Optik einer verschonten Generation,die, anders als Kleist und seine Zeitgenossen vor zweihundert Jahren, die Allgegenwart von\u00a0Krieg und Schlachterei nie erlebt hat? Krieg spielen? Das will sie nicht, die gut dreissigj\u00e4hrige M\u00fcnchner Regisseurin Katja Langenbach und ihr ebenso junges Team (B\u00fchnenbildnerin Hella Prokoph, Ausstatterin Julia Schr\u00f6der und Komponist Jakob Dich]).<\/p>\n<p>Sieg \u00fcber die B\u00fchnenenge<\/p>\n<p>Daf\u00fcr stellt sie die Theaterverh\u00e4ltnisse auf den Kopf. Kriegsschauplatz in St. Gallen ist nichtdie B\u00fchne, sondern der Zuschauerraurn.<\/p>\n<p>Das Publikum wird via schmale Treppen \u00fcber die die Hinterb\u00fchne, durch \u201eMedea\u201c- und andere Kulissen, auf die B\u00fchne gelotst und blickt auf seine sonstigen Pl\u00e4tze, die f\u00fcr einmal dem Ensemble geh\u00f6ren. Nichts und keiner bleibt auf seinem Platz &#8211; das ist ein sprechendes\u00a0Bild f\u00fcr den Krieg als Zustand. Und ein triumphaler Sieg \u00fcber die sonst beengten B\u00fchnenverh\u00e4ltnisse. So viel Weite, Tiefe\u00a0und H\u00f6he war nie im Theater.\u00a0Ein freier Platz vorn, ein rampenartiger Aufstieg links hinauf zu den obersten R\u00e4ngen, von wo aus die Offiziere den Schlachtverlauf bei\u00a0Fehrbellin kommentieren und wo sp\u00e4ter der Kurf\u00fcrst residiert. Spielpl\u00e4tze zuhauf, M\u00e4rsche\u00a0durch die Sitzreihen, Befehlserteilung vom Balkon herab, Riesendistanzen, wie sie der Krieg zwischen Menschen aufrei\u00dft: Die theatralische Innenarchitektur des Paillard-Baus ist wie gemacht f\u00fcr gro\u00dfes Drama.<\/p>\n<p>Die Regie setzt im Raum klare Feldzeichen, Keinerlei Schlachtgew\u00fchl- das ganze Kriegsgeschehen steckt in der Musik, die motorisch h\u00e4mmert, Streicher kreischen l\u00e4sst und bedrohlich gewittert in Szenen und Pausen. Die Farben hat der Krieg, der gro\u00dfe Gleichmacher, dagegen gekillt.<\/p>\n<p>Ein Schicksal zum Zerrei\u00dfen.<\/p>\n<p>Der Saal ist mit schwarzem Plastik vollst\u00e4ndig ausgelegt, schwarz sind die Ringe unter den ger\u00f6teten Augen der \u00fcbern\u00e4chtigten Soldaten und der zum Kriegsgl\u00fcck und -ungl\u00fcck mitverdammten Frauen, Kurf\u00fcrstin und Prinzessin.\u00a0Grau die Uniformen. Golden gl\u00e4nzt einzig der Patronengurt, den der Kurf\u00fcrst wie einen\u00a0Schal tr\u00e4gt und den er dem Homburg zur (fast m\u00f6chte man sagen: Dornen-)Krone windet.\u00a0Die Messias-Assoziation ist nicht ganz abwegig. Homburg kommt aus der Unschuld, ein Tor\u00a0und Tr\u00e4umer. Ein wei\u00dfer Seidenvorhang verdeckt zu Beginn den Saal, auf ihm tanzen Homburgs Traumgestalten von Heldenruhm und Liebesgl\u00fcck als riesige Schatten &#8211; bis er aufwacht und sich schreckensvoll ins Tuch wickelt.\u00a0Sp\u00e4ter h\u00e4ngt er, als Gefangener, in den Seilen wie gekreuzigt.\u00a0Seine Schuld scheint zuerst l\u00e4sslich, er hat im Gefecht blo\u00df zu fr\u00fch, gegen kurf\u00fcrstlichen Befehl, angegriffen. Wird trotz seines Siegs zum Tod verurteilt, dann begnadigt um den Preis, sich sein Todesurteil noch einmal selber zu f\u00e4llen: ein Schicksal zum Zerrei\u00dfen,\u00a0wie stets bei Kleist.<\/p>\n<p>Starke Charakterzeichnung<\/p>\n<p>Das zeigt Nikolaus Bendas starke Charakterzeichnung in allen Facetten, im sprechenden Mienenspiel, im ratlosen Herabh\u00e4ngen der Arme, im Stolpern, im raschen Umschlag von Traulichkeit zu Trotz. Noch in der h\u00f6chsten Selbst\u00fcberwindung, im Ja zum Todesurteil ist Bendas Homburg eher introvertiert als pathetisch; kein Held, ein Bub, der mit aufgerissenen\u00a0Augen ins Get\u00fcmmel um Leben und Tod geraten ist.\u00a0Neben ihm die gegens\u00e4tzlichen Frauen: Boglarka Horvaths Natalie verk\u00f6rpert den spr\u00fchenden\u00a0Glauben ans Leben, w\u00e4hrend die Kurf\u00fcrstin (Diana Dengler) sich in Sorge verkrampft. Alexandre Pelichet spielt den Kurf\u00fcrsten imposant mit R\u00fcckgrat. Seine Soldaten sind wie er selber keine Haudegen, sondern Kriegspragmatiker mit Erm\u00fcdungserscheinungen: Hans-Rudolf Sp\u00fchler, Hannes Perkmann, Matthias Albold und Marcus Sch\u00e4fer.<\/p>\n<p>Wenn sie da stehen und reden, wird Kleists schwierige Sprache selbstverst\u00e4ndlich. F\u00fcr einmal erlebt man Sprechtheater mit Mikroports verst\u00e4rkt &#8211; ein kluger Entscheid bei den weiten Spieldistanzen. Doch liegt&#8217;s nicht allein daran, dass man jedes Wort versteht.\u00a0Katja Langenbach choreographiert die Szenen einfach, aber klar, mit Verdichtungen und pr\u00e4zis gesetzten Generalpausen, \u00fcbersetzt den Kleist&#8217;schen Satzbau in r\u00e4umliche Beziehungsgrammatik.<\/p>\n<p>Der komplexe Mensch<\/p>\n<p>Und immer in der Mitte: Homburg, der Mensch im inneren Kriegszustand. \u00abGleichviel\u00bb sagt\u00a0er immer wieder, Kleists altes Wort f\u00fcr \u00abtrotzdem\u00bb &#8211; ein Wort, das Gegens\u00e4tze zusammendenkt.\u00a0Das ist die humane Botschaft dieser Inszenierung. Sie stellt der Barbarei des Schlachtens und des Gesetzes den leibhaftigen Menschen entgegen, komplex, zwiesp\u00e4ltig und liebenswert. Sie\u00a0spannt in die Schw\u00e4rze des Raums ein wei\u00dfes Tuch, das ein verletzliches Band zwischen Homburg und Natalie kn\u00fcpft.\u00a0Am Ende aber fehlt dieses Tuch, das Finale ist illusionslos:\u00a0Homburg lebt, doch im Gestammel von \u00abSieg\u00bb und \u00abStaub\u00bb h\u00f6rt man schon das Donnergrollen des n\u00e4chsten Kriegs.<\/p>\n<p><strong>Der Landbote,\u00a0<span style=\"font-weight: normal;\">17.11.2009 von Martin Kraft<\/span><\/strong><\/p>\n<p><strong>Verkehrte B\u00fchne-Hellwaches Traumspiel<\/strong><\/p>\n<p>Seine Modernit\u00e4t beweist Kleists \u00abPrinz Friedrich von Homburg\u00bb im Theater St. Gallen eindr\u00fccklich allein schon durch die ungew\u00f6hnliche Szenerie.<\/p>\n<p>ST. GALLEN &#8211; Das Publikum wird auf die B\u00fchne gebeten. Und es darf von hier aus seinen gewohnten Aufenthaltsort als sehr vielseitigen Spielort entdecken. Der Zuschauerraum wurde von der B\u00fchnenbildnerin Hella Prokoph schwarz wie mit Kehrichts\u00e4cken ausgekleidet &#8211; vielleicht, weil der Krieg ja heute, anders als zu Kleists Zeiten eine so \u00absaubere\u00bb Sache ist?Jedenfalls macht die Sache gro\u00dfen Effekt. Und so wird der vertraute Raum auf einmal zur gro\u00dfz\u00fcgigen Terrassenlandschaft mit einer F\u00fclle unterschiedlicher Auftrittsm\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p>Die Regisseurin Katja Langenbach hat sie klug genutzt, gerade wenn sie die Mitspielenden in stets wechselnden Konstellationen in gro\u00dfer Distanz voneinander agieren l\u00e4sst und damit den zentralen Konflikt zwischen dem Individuum und der Gesellschaft augenf\u00e4llig macht, Sie hat (ohne Pause) im richtigen Tempo inszeniert und dabei doch den wortreichen Auseinandersetzungen die gegen den Schluss die eigentliche Handlung ausmachen, genug Raum gegeben.\u00a0Ohne sich um Zeitkolorit oder vordergr\u00fcndige Aktualisierung zu bem\u00fchen, kam auch Julia Str\u00f6der als Gestalterin der originellen Kost\u00fcme aus. Sie erfreuen mit bemerkenswerten Einf\u00e4llen, ohne dass man genau zu wissen braucht, weshalb die f Kurf\u00fcrstin (Diana Dengler) als Salondame, Natalie (Boglarka Horvath) dagegen in einem Milit\u00e4rhemd auftritt.\u00a0Vom Kampf- und Kriegsgeschehen ist &#8211; au\u00dfer den nur angedeuteten Uniformen und einem sinnvollerweise auch als Lorbeerkranz fungierenden Patroneng\u00fcrtel &#8211; nichts zu sehen. Um so\u00a0intensiver ist es pr\u00e4sent in der ungemein suggestiven Musik von Jakob Diehl, die sich gl\u00fccklich frei h\u00e4lt von naturalistischen Kl\u00e4ngen und entsprechend prek\u00e4ren Ankl\u00e4ngen an Historienfilme.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend zu Beginn der Zuschauerraum noch von einem transparenten wei\u00dfen Vorhang verdeckt wird, ist dieser sogar eine Zeit lang das einzige Geschehen. Dann tritt in einer ebenso \u00fcberraschenden wie einleuchtenden Umkehrung der ersten Szene der Prinz vor diesen Vorhang, nicht tr\u00e4umend, sondern hellwach. Doch was sich nun als \u00fcberdimensionales Schattenspiel hinter der wei\u00dfen Wand bewegt, wirkt dann doch genau wie ein Traum, in dem man alles sieht und doch nichts ergreifen, in nichts eingreifen kann.\u00a0Nikolaus Benda ist ein sehr unheldischer Titelheld, eher ein Zeitgenosse, der das Heldenzeitalter hinter ich gelassen hat, voll von starken Gef\u00fchlen, aber in seiner Selbstsuche auch echt selbstverliebt &#8211; einer, der von der Notwendigkeit des Kriegsrechts wenig h\u00e4lt oder sie gar nicht kennt. Wenn er zum Zeichen seiner Gefangennahme wie f\u00fcr einen Gleitschirmflug eingeschirrt wird, dann f\u00fchrt der vermeintliche Gag bald zu einem H\u00f6hepunkt des Abends, wo der zum Tode Verurteilte in seiner Verzweiflung buchst\u00e4blich den Boden unter den F\u00fcssen\u00a0 verliert. Und es ist nur konsequent, wenn er zum prek\u00e4ren gl\u00fccklichen Ende nicht in den Kampfruf gegen die Feinde Brandenburgs einstimmt, sondern murmelnd im Traumdunkel verschwindet.<\/p>\n<p>Pr\u00e4zise ausbalanciert ist das Verh\u00e4ltnis des Prinzen zu seinem Ersatzvater, der zugleich zu seinem Gegenspieler wird. Der Kurf\u00fcrst (Alexandre Pelichet) erscheint von seiner Verpflichtung zu einem \u00fcbergeordneten Kriegsrecht durchdrungen, aber dort wo dieses ihm Raum l\u00e4sst, vor allem als ein Mensch voller Mitgef\u00fchl.<\/p>\n<p><strong>Neue Z\u00fcrcher Zeitung,\u00a0<span style=\"font-weight: normal;\">17.11.2009 von Tobias Hoffmann<\/span><\/strong><\/p>\n<p><strong><span style=\"font-weight: normal;\"><strong>Sieger ohne Gnade<\/strong><\/span><\/strong><\/p>\n<p>Kleist am Theater St.Gallen<\/p>\n<p>Wie weit kann eine Regisseurin das komplexe Zeichensystem einer Inszenierung \u00fcberhaupt kontrollieren? Wie sehr kann sie ihre k\u00fcnstlerische Absicht und das Ergebnis in \u00dcbereinstimmung bringen? Fast gar nicht, m\u00f6chte man im Falle der St. Galler Produktion von Kleists \u00abPrinz Friedrich von Homburg\u00bb antworten. Die junge Katja Langenbach skizziert im Programmheft zur Inszenierung ihre Sicht auf den Stoff. In der Titelfigur, dem preu\u00dfischen General, der in einer wichtigen Schlacht entgegen der Ordre des Kurf\u00fcrsten zu fr\u00fch eingreift, dann aber, trotz oder gerade wegen seines Ungehorsams, den Sieg erringt, vom Kurf\u00fcrsten\u00a0dennoch zum Tode verurteilt, schlie\u00dflich aber begnadigt wird, nachdem er selber das Urteil f\u00fcr zutreffend befunden hat &#8211; in dieser so sperrigen, tr\u00e4umerische und martialische Z\u00fcge aufs merkw\u00fcrdigste vereinigenden Figur erkennt Langenbach \u00abden ersten komplexen Menschen der Moderne\u00bb, der es schaffe, \u00abdem System, repr\u00e4sentiert durch den Kurf\u00fcrsten, die Stirn zu bieten, sich zu behaupten und seine eigene Freiheit zu postulieren\u00bb.<\/p>\n<p>Den Satz von der \u00abeigenen Freiheit\u00bb widerlegt die Inszenierung gr\u00fcndlich. Wir sehen Prinz Friedrich von Homburg (Nikolaus Benda) zu Beginn vor dem Vorhang in der Pose des berauschten Triumphators und erfahren bald, dass er ein Sieger ohne Gnade ist. Wir sehen ihn am Schluss auf dem Hosenboden sitzend, bet\u00e4ubt vor Gl\u00fcck, ein begnadigter Besiegter, der alles aus der Hand des gn\u00e4digen F\u00fcrsten empf\u00e4ngt: das Leben, die Liebe, den Ruhm.<\/p>\n<p>Die an dialektischen, so gar nicht preussisch-geradlinigen Wendungen reiche Handlung\u00a0erscheint als aufwendige Disziplinierungsma\u00dfnahme des Kurf\u00fcrsten (Alexandre Pelichet).\u00a0Ihr Ausgangspunkt ist dessen Ausruf \u00abIns nichts mit dir zur\u00fcck, Herr Prinz von Homburg\u00bb\u00a0im Moment, als der in die Prinzessin Natalie verliebte Homburg diese im Gr\u00f6\u00dfenwahn als seine Braut tituliert. Der Ausruf klingt in Pelichets Munde beinahe hasserf\u00fcllt, und auch seine sp\u00e4teren Interventionen sind gepr\u00e4gt von einer H\u00e4rte und Berechnung, die nichts von v\u00e4terlichem Wohlwollen verr\u00e4t. Dieser Kurf\u00fcrst sch\u00e4tzt nicht den Prinzen als Person, sondern sein milit\u00e4risches Potenzial hoch und trachtet danach, es ganz unter\u00a0seine Kontrolle zu bringen. Die Inszenierung zeigt nun das manipulative Geschick des Kurf\u00fcrsten: Die moralischen Reflexe seiner Offiziere, ihre irrationalen Anwandlungen und die Labilit\u00e4t Homburgs versteht er in kriegerische Schlagkraft zu transformieren und zu b\u00fcndeln und dabei sein psychologisches Raffinement hinter soldatischer Knappheit zu verstecken.<\/p>\n<p>Die Disposition und die Gestaltung der B\u00fchne (Hella Prokoph) st\u00fctzen die Idee von der Emanzipation Homburgs ebenfalls nicht. Das Publikum nimmt Platz auf der B\u00fchne und sieht von dort aus in den schwarz ausgeschlagenen Zuschauerraum.<\/p>\n<p>Das St. Galler Theater, ber\u00fchmt f\u00fcr seine \u00abdemokratische\u00bb Konzeption mit hervorragender Sicht von allen Pl\u00e4tzen, verkehrt sich vom Raum f\u00fcrs Volk zum Raum f\u00fcr einen Milit\u00e4rstaat, die Stufen betonen dessen hierarchische Struktur, und in den weiten R\u00e4umen zwischen den Figuren scheint die Ohnmacht der Zivilgesellschaft zu g\u00e4hnen. Viel mehr als Homburgs Emanzipation scheint hier Kleists eigenes Scheitern durch: Mit dem \u00abHomburg\u00bb wagte er seinen letzten Versuch, dichterischen Ruhm zu erzwingen. Bei der preu\u00dfischen K\u00f6nigsfamilie fand er damit keine Gnade.<\/p>\n<p><strong>Der S\u00fcdkurier,\u00a0<span style=\"font-weight: normal;\">17.11.2009 von Peter E. Schaufelberger<\/span><\/strong><\/p>\n<p><strong>In selbstverliebten Tr\u00e4umen<\/strong><\/p>\n<p><strong><span style=\"font-weight: normal;\">In aufrechtem Stolz, wiewohl halb tr\u00e4umend steht der Prinz von Homburg zu Beginn des St\u00fccks vor dem Vorhang, sich bald halb einwickelnd in die wei\u00dfen Stoffbahnen, dann wieder den Arm mit ausgreifender Geste hoch aufreckend. Als riesenhafte Schatten aber erheben sich auf der andern Seite Kurf\u00fcrst und Kurf\u00fcrstin, der Graf Hohenzollern und die Prinzessin Natalie von Oranien. Doch da ist kein Lorbeerkranz, den der Prinz sich w\u00e4nde, kein Handschuh, den er Natalie entwendete, kein Degen, den er tr\u00fcge. Keine Fahnen und Standarten werden hereingetragen, wie Homburg und seine Offiziere dem Kurf\u00fcrsten den Sieg vermelden, sondern schwarze Plastiks\u00e4cke voll wei\u00dfer W\u00e4schest\u00fccke.<\/span><\/strong><\/p>\n<p>Da ist nichts \u00c4u\u00dferliches, was ablenken k\u00f6nnte von Kleists Text, nur eine d\u00fcstere, schwarz ausgeschlagene Landschaft, treppenartig gegliedert unter schweren Leuchtern. Und an die Stelle des Schlachtenl\u00e4rms und anderer Kulissenger\u00e4usche tritt die Musik von Jakob Diehl, beziehungsreich und voll atmosph\u00e4rischer Sinnlichkeit, doch auch sie fernab jeder nur \u00e4u\u00dferlichen Realit\u00e4t.<\/p>\n<p>Die junge Regisseurin Katja Langenbach hat das Publikum auf die B\u00fchne verbannt und das Geschehen um den Prinzen von Homburg in den Zuschauerraum des Theaters St. Gallen verlegt. Sie nutzt zusammen mit ihrer B\u00fchnenbildnerin Hella Prokoph die langen G\u00e4nge und die verschiedenen Ebenen, nutzt vor allem die Weite, in der sich die einzelnen Menschen bisweilen fast verlieren, als h\u00e4tten sie nichts miteinander zu tun. Und sie findet Bilder, die sich einpr\u00e4gen.<\/p>\n<p>In den obersten, in diesen Szenen abgedeckten Stuhlreihen ist der Platz des Kurf\u00fcrsten, wenn er als\u00a0Repr\u00e4sentant des Staates und des Gesetzes auftritt; der Prinz, noch beim Gef\u00e4ngnisbesuch des Grafen\u00a0Hohenzollern selbstsicher den Gnadenerlass des F\u00fcrsten erwartend, windet und dreht sich winselnd in\u00a0einem von der Decke herabh\u00e4ngenden Fesselsitz, wie er die Nichtigkeit seiner Erwartung erkennt. Und wie Hohenzollern dem F\u00fcrsten selbst die Schuld an Homburgs Vergehen anlasten will, stehen sich beide ganz oben auf dem Balkon auf gleicher H\u00f6he gegen\u00fcber, scheint die Rangordnung f\u00fcr kurze Augenblicke aufgehoben.<\/p>\n<p>Bilder, sinnenf\u00e4llig, herausgehoben aus dem Schwarz meist nur durch gezielt gef\u00fchrtes Licht und doch im N\u00e4chtlichen verharrend, als ob sie nicht dem Tag, vielmehr dem Traum geh\u00f6rten. Denn in selbstverliebten Tr\u00e4umen bewegt sich auch Homburg, bis die Realit\u00e4t ihn einholt und ihm buchst\u00e4blich den Boden unter den F\u00fcssen wegrei\u00dft, ihn h\u00e4ngen l\u00e4sst in der Hilflosigkeit des Ausgeliefertseins und der Angst und ihn schlie\u00dflich zur Einsicht seines Fehlens als Voraussetzung f\u00fcr eine Begnadigung f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Nikolaus Bendamacht diese Selbstverliebtheit als Grundzug des Prinzen mit feinster Nuancierung deutlich, l\u00e4sst sie mitschwingen noch im Augenblick, in dem er sich dem Urteil unterwirft und auf Natalie verzichtet; sein letztes Wort \u201eNein, sagt! Ist es ein Traum?\u201c, ungl\u00e4ubig gesprochen im Augenblick h\u00f6chster Erhebung, setzt ihn nochmals ab von der realen Welt, in der er, der eigentlich Todgeweihte, als Sieger von Fehrbellin gepriesen und zum F\u00fchrer in kommenden Schlachten erw\u00e4hlt wird.<\/p>\n<p>Ebenb\u00fcrtiger Widerpart ist ihm der Kurf\u00fcrst von Alexandre Pelichet, zur\u00fcckhaltend in seinem ganzen Auftreten, unerbittlich zwar am Gesetz festhaltend, doch im Gegensatz zum Prinzen nicht vorab zu eignem Ruhm, sondern zum Wohl des Staates. Doch Pelichet macht bei aller fast stur wirkenden Gradlinigkeit auch die weiche, empfindsame Seite des Kurf\u00fcrsten deutlich \u2013 in kleinen, behutsamen Gesten, mit denen er seine Worte unterstreicht.Um diese zentralen Gestalten gruppiert Katja Langenbach die wenigen Rollen, die sie aus Kleists\u00a0Personenf\u00fclle beibehalten hat: den treuherzig-markigen Obersten Kottwitz (Hans Rudolf Sp\u00fchler), den Grafen Hohenzollern als besorgten und umsorgenden Freund des Prinzen (Hannes Perkmann), den\u00a0Feldmarschall D\u00f6rfling (Matthias Albold) und einen Rittmeister (Marcus Sch\u00e4fer), dazu die Kurf\u00fcrstin (Diana Dengler) und die Prinzessin Natalie (Bogl\u00e1rka Horv\u00e1th). An Kleists Text allerdings hat sie kaum etwas ver\u00e4ndert, ihn nur auf wesentlich weniger Personen verteilt -zum Vorteil einer konsequenten Konzentration auf die innere Handlung und einer Dichte von Spiel und Geschehen, die bisweilen kaum noch das Atmen gestattet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>B\u00fchne Text: Heinrich von Kleist Regie: Katja Langenbach, Kost\u00fcme: Julia Str\u00f6der, Musik: Jakob Diehl Theater St. Gallen Premiere: 13.11.09<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.hellaprokoph.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/242"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.hellaprokoph.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.hellaprokoph.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hellaprokoph.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hellaprokoph.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=242"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.hellaprokoph.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/242\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.hellaprokoph.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=242"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hellaprokoph.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=242"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hellaprokoph.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=242"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}<!-- WP Super Cache is installed but broken. 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